Informationen zum “Ärzteparadies Frankreich”

 Für Kollegen  in Deutschland:  eine Alternative

Für alle: Ideen zu einer Reform des Gesundheitswesens

 Ist etwas wichtiger als Freunde (pps) ?!?  Quoi de plus important que l’amitié (pps) ?!?

Die französische Krankenhauslandschaft ist ziemlich anders als die deutsche und  diese Seiten möchten davon einen Eindruck geben.

Die Krankenhauswelt ist wie in Deutschland in “staatlich” und “nichtstaatlich” zweigeteilt. Aber die französischen “nichtstaatlichen” Krankenhäuser  sind ihren deutschen Äquivalenten in Mitteln, Rechten und Status nicht vergleichbar und kommerzielle Klinikketten gibt es glücklicherweise nicht.

Nichtstaatliche Krankenhäuser heißen in Frankreich “clinique” und sind meist in privater Hand, das heißt meist im Besitz einer Gruppe von Ärzten, auch wenn sie einen katholisch-klingenden Namen tragen (“Clinique St. Augustin” oder so ähnlich). Manchmal sind sie Aktiengesellschaften, manchmal in anderen privatwirtschaftlichen Rechtsformen organisiert, nur selten gemeinnützig. Es gibt derzeit etwa 600 Cliniques, und die haben große finanzielle Schwierigkeiten. In den letzten 10 Jahren haben über 500 geschlossen, und von den verbleibenden schreibt 1/4 rote Zahlen. Die Ursachen sind komplex, aber im Grunde natürlich im Abrechnungssystem, den ständig steigenden Sicherheits- und Qualitätsnormen und dem Kostenspardruck begründet. Und der Kostendruck beruht auf  dem medizinischen Fortschritt selber, ist also systembedingt (was leider in der politischen Diskussion kaum gesagt wird): Weil die moderne Medizin so gut ist, können immer gebrechlicheren und kränkeren Menschen noch ein paar Jahre oder Monate mehr geschenkt werden, zu immer höheren Kosten. Da der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt aber nicht steigen soll, entsteht ein grundsätzlich nicht  beherrschbarer Kostendruck: Das Defizit der Krankenkassen ist  seit Jahren jährlich bei 12 bis 13 Milliarden Euro und man versucht überall einzusparen, aber den medizinischen Fortschritt kann man nicht einsparen ...

Andere Aufgabenverteilung, andere Hierarchien ... mehr zum nichtärztlichen  und ärztlichen Krankenhauspersonal
   
Ein schöner instruktiver Blick “in” ein modernes französisches Krankenhaus

 In den Gelben Seiten pagesjaunes.fr finden Sie sie  unter “cliniques” und nicht unter “hôpitaux”. Kirchliche Krankenhäuser gibt es kaum;  im Elsass gibt es  eine Gruppe, die mehrere katholisch “inspirierte” Krankenhäuser umfasst (Groupe Hospitalier Saint Vincent ghsv.org) und in der Pariser Region -dort gibt es alles- hat es einige christliche Kliniken, die gerade in der Geburtshilfe sehr gesucht sind, weil sie keine Abtreibungen durchführen und sich viele Frauen daher ihnen lieber anvertrauen.

Die Cliniques haben im allgemeinen weniger finanzielle, diagnostische und therapeutische Mittel als die staatlichen Krankenhäuser (Hôpital) und man wirft Ihnen nicht zu Unrecht vor, sich die “Rosinen” aus dem Kuchen herauszupicken: gut behandelbare Krankheiten, Patienten mit guter Prognose, gut bezahlte Operationen ... und wenn ein Patient bettlägerig wird und monatelang bleiben muss oder gar nicht mehr kurativ therapierbar ist: ab ins Hôpital mit ihm. Sie unterhalten nur sehr selten eine Notaufnahme und sind meist auf einzelne Fachgebiete oder Untergebiete spezialisiert. Cliniques beschäftigen keine Assistenzärzte und sind nicht zur Weiterbildung von Fachärzten berechtigt - das dürfen nur die Hôpitaux. Die Ärzteschaft einer Clinique setzt sich also nur aus Fachärzten zusammen, die meist noch eine Praxis haben -ausgenommen Fachgebiete, wo das nicht möglich oder üblich ist, z.B. Thoraxchirurgie- und dazu eine Anzahl Belegbetten in dieser Clinique haben, die sie eigenverantwortlich betreuen – ohne Chefarzt über ihnen. In einer Clinique müssen die Patienten wie in einer Praxis die Behandlungskosten selber vorstrecken und bekommen sie dann von der Kasse wieder; einzelne Cliniques verlangen höhere Sätze, als die Kasse erstattet. Der Patient hat dann entweder eine Zusatzversicherung oder zahlt den Unterschied selber. Andererseits sollen Pflege und Räumlichkeiten in den Cliniques besser sein - ich habe in meiner Zeit als Assistenzarzt in verschiedenen Hôpitaux nur sehr wenige wohlhabendere Patienten aus “gehobenen” Berufsgruppen gesehen. Diese gehen eben bevorzugt in eine Clinique. In einer Clinique ist kein Platz für Assistenzärzte im deutschen Sinne - hoffen Sie nicht, dort eine Anstellung für die Weiterbildung zu finden.

Die staatlichen Krankenhäuser sind im Grunde wie die deutschen auch, mit einigen kleinen Eigenheiten. Sie betreiben die Grund- und Maximalversorgung der Bevölkerung, haben Notfallaufnahmen, halten alle Fachgebiete vor und bilden Fachärzte aus. Ein wichtiger Unterschied sind die flacheren Hierarchien: jeder Facharzt, der auf einer festen Stelle als “Practicien hospitalier” angestellt ist, hat eine eigene Station, die er allein eigenverantwortlich führt. Der Chefarzt ist der primus inter pares der fest angestellten Fachärzte -teilweise wird er nur für 5 Jahre und nicht mehr auf Lebenszeit gewählt- und hat vor allem administrative Funktionen. Es gibt keinen Chefarzt à la Sauerbruch, der einmal wöchentlich auf jeder Station mit seinem vielköpfigen Gefolge vom  hochkompetenten ergrauten Oberarzt über die energische Oberschwester und die erschöpfte Assistentenschar, die fröhliche Schwesternschaft und den stillen Medizinalassistenten (“PJ-ler”) bis zur kichernden Schwesternschülerin und Faktotum Visite macht. Der Chefarzt kontrolliert nicht fachlich die Arbeit “seiner” Oberärzte. Die Assistenzärzte wiederum in den staatlichen Krankenhäusen („Internes“) wechseln alle halbe Jahr  -zum 2. 5. und zum 2. 11. (der 1.5. und der 1.11. sind Feiertage)- zwischen den Stationen und teilweise auch zwischen den Fachgebieten, das bringt immer viel Unruhe ins Haus und ist doch sehr belastend für alle Beteiligten. Mehr zu dem Personal einer französischen Station auf dieser Seite.

Ein wichtiger praktischer Unterschied ist die Arbeit am Samstag-Vormittag: reguläre Arbeitszeit  mit Visite etc. in den Krankenhäusern wie in den Allgemeinmedizinpraxen (die Fachärzte machen ihre Praxen am Freitag-Nachmittag dicht, einzig Radiologen und Labore sind am Samstag-Vormittag offen).

Kommerzielle Krankenhausketten gibt es in Frankreich nicht - und wird es auch niemals geben: Privatisierungen staatlicher Krankenhäuser sind unmöglich, weil Pflegepersonal und Ärzteschaft Beamtenstatus haben - mit Streikrecht, wie alle Beamten (traditionell streiken lediglich Polizei, Militär und die Beamten des Außenministeriums grundsätzlich nicht) und mit einem halben Dutzend rührigen Gewerkschaften, die mit einander konkurrieren. Und weil nur die staatlichen Krankenhäuser fest in ein gänzlich anderes Weiterbildungssystem eingebunden sind, man müsste die ganze Facharztweiterbildung ändern, ehe man privatisieren könnte.

Schließlich gibt es bei der Einstellung von Fachärzten einige Besonderheiten, die in der deutschsprachigen wie in der angloamerikanischen Krankenhauswelt nicht vorkommen: (Fach)Ärzte im Krankenhaus (d.h. fertig ausgebildete Ärzte, die nicht mehr “Interne” = Assistenzarzt sind) sind in Frankreich wie gesagt Beamte. Beamte werden durchweg nur eingestellt, nachdem sie einen Concours, Auswahlverfahren, durchlaufen haben. Lehrer, Polizisten, Finanzbeamte, Beamte in Museen (man erinnere sich, dass es in Frankreich im Öffentlichen Dienst keine Trennung zwischen Beamten und Angestellten wie in Deutschland gibt: Alle Angestellen des Öffentlichen Dienstes sind Beamte - d.h. unkündbar - UND haben Streikrecht) ...: Entsprechend muss ein angehender Krankenhausarzt = Praticien Hospitalier PH) auch diesen Concours mitmachen, wenn er auf eine feste Stelle wechseln will (er kann ansonsten als Practicien Hospitalier contractuel arbeiten = Krankhausarzt mit (Zeit)vertrag, normalerweise immer für ein Jahr). Üblicherweise ist jemand zuächst Practicien Hospitalier contractuel und bewirkt sich dann darum, Practicien Hospitalier titularisé (= verbeamtet) zu werden. Dazu reicht er Unterlagen, die seine Qualifikation belegen zusammen mit den entsprechenden Formularen zum jährlichen Concours ein. Da es im Krankenhaus eher einen Ärztemangel gibt, ist dieser Concours eigentlich mehr eine Formsache - bei einem Concours wird immer eine Rangliste unter allen Bewerben gebildet, und mit dem ersten angefangen die freien Stellen besetzt. Wenn es 105 freie Stellen für 90 Bewerber gibt, ist es klar, dass jeder eine bekommen wird. Mit einem kleinen Detail ... WELCHE Stelle welcher Kandidat bekommen wird, entscheidet letztlich der Minister bzw. seine Beamten. Wenn das Krankenhaus in Hagenau einen PH contractuel hat, den es  als PH titularisé übernehmen will, so schlägt der zuständige Chef der service Chefarzt dies der Commission Médicale de l’Établissement CME  = Aufsichtsrat vor, die debattiert darüber, aber folgt normalerweise der Empfehlung des Chefarztes. Dann  leitet  die CME diese Empfehlung an das Ministerium weiter, das der Empfehlung normalerweise auch folgt. Aber eben nicht immer, und das Krankenhaus Hagenau oder der zuständige Chefarzt hat keinen Rechtsanspruch darauf, dass der Kandidat, den er auf der Stelle haben will, auch genommen wird. Wenn der Minister die Tochter eines verdienten Parteifreundes dahinsetzen will, kann er das grundsätzlich, sofern die den Concours bestanden haben. (Das ist etwas vereinfacht dargestellt, aber grundsätzlich ist es so). Auf deutsche Verhältnisse übertragen: Wer im Kreiskrankenhaus Kempten in Bayern oder in Kehl am Rhein Oberarzt wird, würde in Berlin entschieden - eine undenkbare Vorstellung. Man nennt das Zentralismus, im Gegensatz zum Subsidiaritätsprinzip, das ursprünglich in der katholischen Soziallehre entwickelt wurde und aus dieser als grundlegendes Prinzip in das deutsche Sozialrecht hineingeschrieben wurde. Und ohne es so zu nennen, in einem föderalen Staat, der seine Bürger grundsätzlich so wenig wie möglich reglementieren will wie in Deutschland und noch mehr in den USA in vielen Lebensbereich sozusagen “von selbst” gilt, auch bei der Einstellung eines Arztes im Kreiskrankenhaus.

Das Personal einer französischen Krankenhausstation ist im wesentlichen einer deutschen Station vergleichbar, allerdings gibt es in wichtigen Details Unterschiede: mehr dazu auf dieser Seite .

 

In Krisen- und Kriegsgebieten kann man kein funktionierendes Gesundheitssystem erwarten - da bringt man sich sein Krankenhaus am besten selber mit: Der Sanitätsdienst unserer Bundeswehr macht’s möglich!
     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein hervorragender Chirurg und
typischer deutscher Chefarzt der alten Schule:
Ferdinand Sauerbruch

Sauerbruch E 3

Prof. Dr. Sauerbruch  führte als erster Mensch eine erfolgreiche Operation im Inneren des Brustkorbs durch, mittels einer  von ihm entworfenen Unterdruckkammer, die den Kollaps, das Zusammenfallen der Lunge, verhinderte.
Diese Technik rettete und rettet Millionen das Leben: Patienten mit Lungenverletzungen, Lungentumoren oder -damals häufig- Lungentuberkulose konnten nun operiert und geheilt werden.
   
Aus  “Sauerbruch - Das war mein Leben”

“Prof. Sauerbruch gibt in seiner Vernehmung unumwunden zu, dass er gegenüber Hilfsärzten und Personal oft grob und vielleicht verletzend gewesen sei. Er anerkennt, dass er hierin gefehlt habe, und macht zu seiner Entschuldigung sein Temperament, die geschäftliche Überbürdung ... geltend, alles Faktoren, welche unstreitig sind.” (...) In die Praxis übertragen: einem neu eingetretenen Assistenzarzt werde ich wohl gesagt haben: ‘Wenn ich Ihnen eines Tages sagen will: Das, was Sie soeben gemacht haben, verehrter Herr Kollege, halte ich, wenn Sie mir die Kritik erlauben wollen, für falsch, wenn ich das also sagen will, so werde ich rufen: Rindvieh!’.
 
Sauerbruch B 1

Als die Untersuchung gegen mich beendet war, entließen die Schweizer Behörden denjenigen Arzt, der am meisten gegen mich Stellung genommen hatte. Da kam es zu einem außerordentlich aufregenden Vorfall! Die Assistenten der Klinik legten ihre Tätigkeit nieder und erschienen nicht mehr zum Dienst!”

Staatsrat, Generalarzt a.D. Prof. Dr. med. Ferdinand Sauerbruch in:  “Das war mein Leben”, Lizenzausgabe für den Bertelsmann Lesering,  S. 180f + 183 (1956) über sein Verhalten als Chefarzt der chirurgischen Universitätsklinik in Zürich um 1915.

Sauerbruch A 1

Prof. Dr. Sauerbruch berichtet über seine Chefarztvisite:

“Ich mache in München Visite, gehe von Bett zu Bett, hinter mir den üblichen Kometenschweif von Oberärzten, Ärzten, Volontärsassistenten, Famuli, Kandidaten, Schwestern und Gästen. Als Train folgt der Verbandstisch mit dem Tross.
Der Stationsarzt stellt mir einen im Bett liegenden Löwenbändiger vor - jawohl, einen Löwenbändiger! -, der am Vortag zuvor von einer Löwin angefallen worden war.
Die Wunden waren zwar chirurgisch richtig ausgeschnitten, aber der unglückselige Wundarzt hatte sie genäht. Man bedenke, tierische Bisswunden waren zugenäht worden, ein absolut unverzeihliches Chirurgenverbrechen, unentschuldbar!
Ich wischte mit dem Ärmsten sozusagen den Boden des Krankensaales auf. Da kam ihm in höchster Not jemand zu Hilfe.  Der Patient mischte sich ein und fuhr mich an: ‘Wenn ich an einer Sache so unschuldig wäre, wie der Doktor da, der mich überhaupt nicht operiert hat, und mein Chef täte mich so anranzen wie Sie Ihren Doktor, dann täte ich ihm meine Löwen auf den Hals hetzen.’ (...) Es ist nur gut, dass die Löwen nicht da sind, sagte ich zum Auditorium (...).” (ibidem, S. 308f).

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